Ad-limina-Besuches
ZWISCHEN ROM UND ASSISI MIT DEM MAISKOLBEN (Symbol Ameríndias)
Chronik meines Ad-limina-Besuches
Pedro Casaldáliga
Bischof von São Félix do Araguaia - MT
Brasilien im August 1988
Obwohl ich bereits seit 17 Jahren Bischof bin, habe ich bis heute noch keinen Ad-limina-Besuch gemacht, zu dem wir Bischöfe alle fünf Jahre verpflichtet sind. Von der Kongregation für die Bischöfe erhielt ich zwei sehr harte Briefe, in denen ich zu diesem Besuch aufgefordert wurde. Sie erinnern mich stark an angeblich noch offene Fragen aus einer apostolischen Visitation vor nunmehr neun Jahren, die hier in der Pralatur stattfand. Damals geschah es auf Grund einer Anklage eines ultrakonservativen Bischofs (Anmkg. des Übersetzers: Dom Sigaud). Ich beschloss, mich an den Papst selbst zu wenden -als Bischof von São Félix an den Bischof von Rom- und schrieb am 22. Februar 1986 einen langen Brief, in dem ich ihm meine Sorgen in Bezug auf die Kirche schilderte. "Wenn Sie es für angebracht halten", so schrieb ich ihm damals, "nennen Sie mir einen Termin für einen persönlichen Besuch".
Um diesen Termin hat es sich jetzt im Juni gehandelt.
Umgeben von quirligen Italo-Argentiniern, die ebenfalls zu ihren Ursprüngen unterwegs waren, flog ich mit der Alitalia nach Rom. Im gleichen Flugzeug reisten vierzig Schwestern aus der Gemeinschaft des Hl. Josef mit, unter ihnen unsere Schwester Irene, die zu einer Studienpilgerfahrt zu den Quellen ihrer Ordensgemeinschaft unterwegs waren. Viele Gebete, freundschaftliche Ratschläge und Zusagen von Unterstützung begleiteten mich, das spürte ich. Die Kurie und die Nuntiatur ihrerseits hatten mich zu größter Zurückhaltung im Hinblick auf diese Reise aufgefordert.
In meinem mehr als bruchstückhaften Tagebuch hatte ich notiert:
"Ich fahre als Pilger nach Rom. ´Videre Petrum, videre Martyres, videre Franciscum`. Rom und Assisi. Der Fels, das Blut, die Taube. Mit dem Maiskolben aus Lateinamerika, getränkt mit allzu viel Martyrerblut. Alle geeint im Willen zur Befreiung".
Mit zwanzig Jahren Abstand empfingen mich in Rom, in Italien, die historischen Steine, die Basiliken, die Katakomben, die aus anderen Ländern herbeigeschafften Obelisken; die Ruinen flankiert mit heiligen Katzen; die sonnenumfluteten Plätze mit rumsitzenden Touristen; die Hügel mit ihren alten Herrenhäusern; die Felder und die Hügel, die Kirschen und der Wein; die Oliven; der National-Ginster, mein katalonischer "ginesta". Dann die Eisverkäufer, natürlich, und jener chaotische Straßenverkehr, so heimaterinnernd; an allen Mauern die Plakate über Ökologie, Politik, Kunst; die Medien, vor allem aus Spanien und Katalonien, mehr als notwendig; christliche Gruppen mit radikalen Forderungen; alte Freunde; meine Freunde aus dem Claretianerorden, die sich in brüderlicher Fürsorge einander übertrafen; vor allem José Fernando Tobón und Angel Calvo, der den Apostolatssektor unter sich hat; und meine Familie... Wiedersehen, Erinnerungen, Wurzeln. Ich bin nun einmal Europäer außer Lateinamerikaner.
Und wie ich schon sagte, der Apostolische Fels mit dem Blut der ersten Martyrer besiegelt:
Etwas, Rom, haben wir von dir,
geerbt von Rom und Römern.
Mit Muttermilch schon das Latein, von Petrus unsern Glauben.
Dem Imperium zum Trotz, hinter Vatikanmauern
neben Fels das Martyrerblut im Dom.
Wir haben viel geerbt von Römern und von Rom.
In geborgter Jacke wurde ich am 16. Juni im Vorzimmer von Monsignore Re, dem Sekretär der Glaubenskongregation für die Bischöfe, empfangen. Er hatte früher in der Nuntiatur in Panama gearbeitet. "Cum Petro et sub Petro", so riet er mir, nachdrücklich. Und "e i n Herr, e i n Glaube, e i n e Taufe" fügte ich der Vollständigkeit des Bekenntnisses halber noch hinzu. Dann mahnte er mich noch, dass ich am Samstag zur gemeinsamen Unterredung mit den Kardinälen Ratzinger und Gantin in angemessener Kleidung zu erscheinen habe. (Ich lieh mir dann einen Talar mit Zingulum von den Claretianern. Mein alter Mitbruder, Pater Garde, war stolz, ihn mir ausleihen zu dürfen. Dazu kam das Tucúm-Halsband von den Indigenas und das franziskanische Kreuz). Kardinal Gantin, der Präfekt der Kongregation, hatte mich wissen lassen: "Es wird ein Treffen voller Ernsthaftigkeit, voller Freiheit und voller Brüderlichkeit".
Ich spürte -so spöttelte ich nach diesen Einleitungsworten-, dass ich einer kirchlichen Aufnahmeprüfung unterworfen werden sollte: in Thema Disziplin von der Bischofskongregation und was die Theologie angeht, vonseiten der Glaubenskongregation.
Das Gespräch fand am Samstag, dem 18., statt. Es dauerte eineinhalb Stunden. Auch in der Bischofskongregation. Anwesend waren Kardinal Gantin, dessen Sekretär Re und ein Untersekretär. Außerdem Kardinal Ratzinger mit seinem Sekretär, Monsignore Bovone, und Monsignore Américo, ein Portugiese aus dem Staatssekretariat. Die Monsignori hielten alles schriftlich fest und hatten Photokopien meiner Texte dabei.
Erwartung, Ernst, Etikette. Ohne Angriffe. Was mich betrifft, sprach ich, glaube ich, mit allem Freimut. Ratzinger lächelte häufig. Mit allem Nachdruck erklärte ich, dass ich
-Gott Dank- keine Glaubensprobleme habe, wohl aber theologische Meinungsverschiedenheiten, so wie ich auch kaum Probleme mit der Communio habe, selbst wenn ich in einzelnen disziplinären Fragen andere Ansichten vertrete.
Kardinal Gantin begann damit, dass er einen Text vorlas, der mich an die Bedeutung dieses Augenblickes und des ganzen Ad-limina-Besuches erinnern sollte. Er anerkannte all das, was wir in Brasilien durchmachen, unsere Hingabe an das Volk. (Manchmal kam es mir fast so vor, als sei ich stellvertretend für viele vorgeladen worden, vielleicht auch nur aufgrund der italienischen Anrede "voi".) "Kardinal Ratzinger und ich werden ihnen einige Hinweise geben", sagte er und zitierte bedrückt den Fall Lefebvre, der gerade in diesen Tagen für höchste Anspannung sorgte.
Ratzingers erste Frage:
"Anerkennen sie die Dokumente des Heiligen Stuhles über die Theologie der Befreiung"?
Meine Antwort: Ja, beide, aber sofern sie sich gegenseitig ergänzen und zusammengenommen mit dem Brief des Papstes, den er an die brasilianischen Bischöfe gerichtet- und in dem er versichert hat, dass die Theologie der Befreiung "nicht nur zeitgemäß, sondern auch nützlich und notwendig ist..." Diese drei Texte in ihrer gegenseitigen Ergänzung und in ihrem Gehalt billige ich. Meine Ansichten weichen lediglich hinsichtlich einiger theologischer und soziologischer Aspekte ab und bezüglich einiger Äußerungen des ersten Dokumentes über unsere Theologen. Nebenbei bemerkt handele es sich um "Instruktionen". Ich erinnerte die Anwesenden daran, der Papst selbst habe angeordnet, der ersten, so negativen Instruktion die fünf einführenden Artikel anzufügen. Ja, der Papst habe sogar die Urheberschaft dieser Instruktion abgestritten, indem er gesagt habe: "Sie ist von Kardinal Ratzinger". -"Das sind Späße, die man so macht", konterte der Kardinal.
Zweite Frage:
"Sie schrieben, dass die Option für die Armen als klasseneigen zu verstehen sei. Wir ziehen es vor, von der bevorzugenden Liebe zu den Armen zu sprechen. Wenn von "Klassen" die Rede ist, so sind solche Worte sinngeladen, darüber darf man sich nicht täuschen".
Meine Antwort: Natürlich ist dieses Wort bereits sinngeladen, und zwar, nach meiner Meinung, mit einem guten Werte-Sinn. Wenn man das Wort "Klassenkampf" nicht in den Mund nehmen will, kann man ja von "Klassenkonflikt" sprechen, so wie es ja auch die Instruktionen tun. Denn der Konflikt existiert. Wir in Lateinamerika wollen verhindern, dass man die Armen als Arme isoliert betrachtet, außerhalb einer Struktur, die sie zu diesen Armen macht und sie an den Rand drängt. Deshalb sprechen wir von "empobrecidos" (die arm Gemachten). Auch der Papst hat gerade in Lateinamerika mehr als einmal gesagt, dass "die Reichen immer reicher würden auf Kosten der Armen, die immer ärmer würden". Dieses "auf
Kosten von" ist strukturbedingt und, wenn sie mir diesen skandalösen Begriff
gestatten, "dialektisch".
Dritte Frage:
"Sie sprechen von der sozialen Sünde. Und die persönliche Sünde"?
Meine Antwort: Ich pflege immer, beide Arten von Sünde zur gleichen Zeit ins Gedächtnis zu rücken. Auf der Wallfahrt zum Gedenken an die Martyrer in meiner Diözese verbrannten wir im Bußfeuer ausdrücklich sowohl die sozialen wie auch die persönlichen Sünden. Beide Arten wurden auf große Plakate geschrieben und ins Feuer geworfen, die einen wie die anderen. Das Neue Testament klagt die "Sünden der Welt" an. Irgendetwas an sozialer Struktur ist an dieser Sünde: die Synagoge, das Imperium, die Sklaverei... Es sind Personen, die sündigen, natürlich, aber innerhalb von Strukturen, welche sie sündig gestalten und welche in gewisser Hinsicht wiederum die Personen sündig machen. Wir sind gleichzeitig Strukturierende und Strukturierte.
Vierte Frage:
"Sie feiern die Eucharistie wie einen sozialen Ritus...?"
Meine Antwort: Ich zweifle sehr, dass sie mir in diesem Fall irgendetwas vorwerfen können. Ich bin es, der immer wieder betont, dass die Hl. Messe "das Ostergeheimnis Jesu ist, unser eigenes Ostern, Ostern der ganzen Welt". Tod und Leben, Leiden und Auferstehung. Wenn ich der eucharistischen Versammlung die Hl. Hostie zeige, sage ich gewöhnlich: "Seht das Lamm Gottes, welches die Sünden-, die Sklaverei und den Tod der Welt hinwegnimmt". Wir sprechen auch über Leiden, Tod und Auferstehung eines jeden von uns und des ganzen Volkes, ja natürlich. Auch dafür ist Eucharistie da. Damit wir Leben haben, gab Christus sein Leben. Immer veranlasst uns die Tradition der Kirche, im Offertorium zu wiederholen: "Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit". Diese Erde und diese Arbeit haben etwas mit sozial zu tun.
Ich erinnerte die Kardinäle an die "Missa da terra sem males" und an die "Missa dos Quilombos", die der Vatikan verboten hatte und nahm die Gelegenheit wahr, sie zu verteidigen. Gegenüber Kardinal Gantin, der Afrikaner ist, wies ich mit allem Nachdruck auf die "Missa dos Quilombos" hin, ein Gebet für die Sache der Schwarzen. Ich erklärte noch, wie schwer sich die Kirche mit der Inkulturation tue und forderte das Recht der anderen Kulturen unserer Dritten Welt ein.
Fünfte Frage:
"Unbekümmert nennen Sie Oscar Romero oder Camilo Torres Märtyrer... Es ist gut, bestimmte Personen, die sich dem Volk hingegeben haben, im Gedächtnis zu halten. Aber sie Martyrer zu nennen...?!"
Meine Antwort: Wir können sehr wohl zwischen "kanonisierten", also von der Kirche offiziell anerkannten Martyrern und diesen vielen anderen Martyrern, die wir Martyrer des Gottesreiches nennen, unterscheiden. Letztere gaben ihr Leben für Gerechtigkeit und Befreiung. Die Mehrheit von ihnen sind Christen und starben auch ausschließlich wegen ihres dem Evangelium treuen Einsatzes. Ja, ich schrieb ein Gedicht an den "Heiligen Romero von Amerika" und so sehe ich ihn: heilig, Märtyrer, ganz der Unsrige.
Sechste Frage:
"Sie haben davon gesprochen, die Kirche zu "revolutionieren".
Meine Antwort: Der vollständige Satz entstand während des "Aufstandes aus dem Geist des Evangeliums" von Nicaragua: "Es ist wichtig, sich selbst ständig in seinem eigenen persönlichen Leben zu revolutionieren durch Umdenken und Umkehr; es ist wichtig, fortwährend die Gesellschaft zu revolutionieren, gleich welchen Systems oder Regimes; und ebenso wichtig ist es, ständig die eigene Kirche zu revolutionieren, damit sie immer mehr dem Evangelium treu bleibt". Ich sprach damals zu weniger kirchlich gebundenen Kreisen. Ich hätte auch sagen können, dass die Kirche "semper renovanda" sei. Bei jenem Gespräch ging es um den Pluralismus, um unsere Theologie, die Bischofskonferenzen, die Bischofsernennungen.
"Sie haben sich aufs Prätorium und auf den Hohen Rat bezogen", sagte Ratzinger spöttisch. Ich stimmte ihm zu, im gleichen Ton. Monsignore Bovone las mir jenes Telegramm vor, das wir, 10 brasilianische Bischöfe, seinerzeit nach Rom gesandt hatten, als Leonardo Boff die erste öffentliche Zensur getroffen hatte. Wieder stimmte ich zu. Er fügte hinzu:
"Sie schrieben, dass das zweite Dokument über die Theologie der Befreiung das erste korrigiert habe". "Ja", antwortete ich, "das ist wahr. Es korrigiert das erste, indem es jenes vervollständigt. Wäre das erste komplett gewesen, hätte es nicht des zweiten bedurft".
Irgendwann bemerkte Kard. Ratzinger dann, man könne alles rechtfertigen, als wolle er sagen, es sei leicht, zu vorher unkorrekten Äußerungen im nachhinein richtige Interpretationen anzufügen.
Kardinal Gantin sprach in ernstem Ton das Problem meiner Nicaraguareisen an. "Das ist bereits ein ´fatto` und unterstreicht ´fatto`! Seine eigene Diozese verlassen und in ein anderes Land gehen, sich in die Angelegenheiten eines anderen Episkopates einmischen..." Ich wollte erklären... Aber entlang all meiner Vatikanbegegnungen stellte ich fest, dass Nicaragua etwas ist, was man am wenigsten erklären kann.
Ich erzähle ihm, ihnen, dass ich nach Nicaragua während der Fastenaktion gegen die Aggression und mit der Unterstützung von 23 Mitbrüdern im Bischofsamt gereist war; ich erwähnte meine frühere Freundschaft mit den Nicaraguanern, meine Briefe an die Bischöfe des Landes, meine Besuche in anderen mittelamerikanischen Ländern und die gute Aufnahme, die mir vonseiten der Mitbrüder im Bischofsamt jener Länder entgegen gebracht worden war. Ich spreche von der Solidarität und davon, was Nicaragua für ganz Lateinamerika bedeutet. Ich erinnere daran, dass es Christen, besser gesagt Katholiken, gibt, in beiden Lagern dieser Kirche, und dass sich die Kirche als Hierarchie auch dem anderen Lager verpflichtet wissen müsse. Ich spreche von dem Ärgernis, das jener anderen Seite zugemutet wird. Keiner überzeugt den anderen.
"Sie sagten, der Ad-limina-Besuch sei überflüssig", warf Gantin ein. Ich scherzte, er sei "fast" überflüssig. Und ich wiederholte die Klagen so vieler weltweit über dieses Thema. Ich anerkenne, dass mit dem letzten Besuch des brasilianischen Episkopates, bei dem 21 Bischöfe nach Rom gekommen waren, eine neue Form praktiziert wurde. Damals hatten sie drei Tage lang gemeinsam und in aller Offenheit mit den Dikasterien im Beisein des Papstes diskutiert. Außerdem rufe ich ins Gedächtnis, dass Johannes Paul II selbst in seinem Brief an die CNBB diese Form des Besuches als "kollegial" bezeichnet hatte, die anderen Episkopaten als Modell dienen könne.
"Sie werden ausgenutzt; Ihr Wort, ihre Schriften, ihre Handlungen".
Alle werden wir ausgenutzt, ist meine Antwort. Sie selbst genau so wie der Papst. Abgesehen davon müssen wir sehen, wer- und auf welche Art man uns benutzt. Ich spreche von der Kommunikation, von der öffentlichen Meinung -auch innerhalb der Kirche-, von Kollegialität und Mitverantwortung. Ich bedauere, dass wir eine übertriebene Geheimniskrämerei pflegen.
Seit Beginn unserer Unterredung deuteten sie auf einen möglichen Text mit Vorschlägen hin, den ich zu unterschreiben habe. Und in diesem Moment wurden sie mit dieser Absicht konkreter. Ich sagte, ich würde nichts unterschreiben ohne genügend Zeit zum Überdenken und Beraten. Und dass ich selbst niemals jemanden um eine derartige Unterschrift bitten würde. Sie reagierten:
"Aber nein, es handelt sich ja nicht um ein Tribunal! Sie haben genügend Zeit zum Nachdenken".
Ich erinnere Kardinal Gantin daran, dass er mir in seinem Brief ein Treffen mit dem Papst versprochen habe. Er bestätigt das. Noch heute Nachmittag würde er sich mit Johannes Paul II treffen. Ich verstand, dass er dabei den Papst über unser Gespräch unterrichten wolle. .
Wir standen auf. Ich bat noch, gemeinsam zu beten: Damit wir immer treu seien im Aufbau des Reiches Gottes und damit wir die Kirche in der Aufgabe unterstützten, dem Evangelium immer besser zu entsprechen. "Um sie zu revolutionieren, nicht wahr"? -fügt Ratzinger hinzu, lächelnd. "Ja, um sie evangelientreu zu revolutionieren", füge ich der Vollständigkeit halber hinzu.
Ich erwähne noch die jüngste Mordandrohung durch die UDR (Vereinigung der Großgrundbesitzer) und versichere ihnen, dass es für das Reich Gottes und auch für die Kirche geschähe, falls ich fallen sollte... Wir beten ein Vater unser auf Latein und eine Fürbitte an Maria, die Mutter der Kirche.
Als ich bereits auf der Treppe stand, kam einer der Monsignori zu mir, um mich zu bitten, nichts von unserer Unterredung gegenüber Journalisten verlauten zu lassen. Ich versprach, dass ich erst nach meiner Audienz beim Papst zur Presse sprechen würde. Und, dass die Journalisten, wenn wir ihnen nicht die Wahrheit sagten, sich gezwungen sähen, etwas zu erfinden, vielleicht sogar Lügen. Ich bestehe auf das Recht und die Pflicht der Kommunikation. Im Nachhinein erfuhr ich, dass Radio Vatikan von höherer Stelle aus Anweisungen erhalten hatte, nichts über meinen Aufenthalt in Rom verlautbaren zu lassen. Im Wartezimmer, vor meiner Papstaudienz, hing ein Kalender von ACNUR an der Wand, der Flüchtlingen gewidmet war. Mit besonderer Liebe dachte ich an die guatemaltekischen Flüchtlinge. Der Kalendertext lautete folgendermaßen: "Es ist sehr leicht, ein Flüchtling zu werden. Deine Rasse oder deine abweichende Meinung können schon genügen".
Nach der Audienz sah ich in dem Wartezimmer noch drei schöne Wandgemälde mit königlichen Pfauen, Löwen, die ein Lamm verschlangen und Schlangen, um eine Säule gewunden. Ein Bild Unserer Lieben Frau von Guadalupe und ein Kruzifix. Fellini würde ein boshaftes Fest feiern.
Die Privataudienz bei Johannes Paul II war am 21. Juni. Sie dauerte etwa eine viertel Stunde. Vorher hatte ich acht Wachtposten passiert, viermal das "biglietto" "della Prefettura della Casa Pontifica" vorgezeigt und Innenhöfe, Korredore und Säle durchquert.
Der Papst gab mir mit einer Geste zu verstehen, dass ich sprechen könne; wir hatten beide an einem Tisch Platz genommen.
"Ich hatte eine Unterredung mit den Kardinälen Gantin und Ratzinger, die mir eine Reihe von Ratschlägen gaben. Sie haben den Brief gelesen, den ich Ihnen zuschickte, darin meine Sorgen und auch Erklärungen, warum ich noch nie meinen Ad-limina-Besuch machte".
Der Papst nickte.
"Jetzt bin ich hier, um zu hören, wie Sie über all das denken", fuhr ich fort. Er wollte, dass wir uns auf Portugiesisch unterhielten. Er spricht flüssig. Eine echte Sprachbegabung.
Er betont die Einheit der Kirche, die Communio und auch die Kommunikation, nicht nur mit dem Papst, sondern auch mit seinen Mitarbeitern. Er erinnert mich daran, dass der Ad-limina-Besuch nicht eine bürokratische Schikane sei. Ich stimme ihm zu und bestehe auf die Notwendigkeit der Communio auf beiden Seiten, auf die Vorteile dieser neuen Art von Ad-Limina-Besuch, welche die CNBB (Brasil. Bisch.-konferenz) bereits in Übereinstimmung mit ihm begonnen habe. Vorteile, die er selbst später in seinem Brief an uns, der von uns so überschwänglich aufgenommen worden war, anerkannt hatte. Er lobte die Treue der CNBB, die darin zum Ausdruck komme, dass sie ihn über alles auf dem Laufenden halte.
Ich erkläre ihm, wie die andersartige Wirklichkeit unserer Breiten und die Situationen, vor die wir uns gestellt sähen, uns verpflichteten, Positionen zu beziehen, die, wer weiß, von anderen in der Kirche nicht verstanden würden. Er stimmt dem zu und bestätigt mehrere Male, dass "die Kirche die sozialen Probleme als die ihren" ansehen müsse. "Es sind Probleme der Menschen", betont er. Viele innerhalb und außerhalb der Kirche dankten ihm für seine Enzyklika "Sollicitude rei socialis", die wir für sehr zutreffend und weitblickend halten, sagte ich ihm.
Er, zufrieden, sagt noch:"Man nennt die Enzyklika sogar ´Brief an die Dritte Welt`".
Er gibt zu erkennen, dass er unsere Leiden kenne und wiederholt, dass er über die große Ungerechtigkeit in Brasilien, vor allem in den nördlichen Regionen des Landes, Bescheid wisse.
"Mit großer Genugtuung haben wir gehört, dass Sie den Präsidenten Sarney daran erinnert haben, dass es ohne Landreform keine Demokratie in Brasilien geben könne", sagte ich zu ihm. "Unglücklicherweise verhinderte nun die Verfassungsgebende Versammlung die Landreform durch ihren bisher abgestimmten Text in der neuen Verfassung".
Auf dem Tisch lag ein Dossier mit meinem Namen auf dem Umschlag. Außerdem eine Landkarte unseres Gebietes. Der Papst beugte sich über sie. Wir sprachen über die Prälatur, die Lage des Volkes, der Indios, Kleinbauern, Tagelöhner und Siedler. Wir sprachen über unser Pastoralteam, über Priester, Schwestern, Laien und Seminaristen. Er fragte mich, ob die Laien denn lesen könnten. Ich erklärte ihm die verschiedenen Arten von Laien, die im Team und in der Gemeinde arbeiteten, sprach die vielen Alphabetisierungskurse und die Schulen an, die es seit langem in unserer Gegend gebe. Dann schlage ich ihm vor:
"Sie denken an einen weiteren Besuch in Brasilien, unter Umständen schon im kommenden Jahr, nicht wahr"?
"Ja, ich möchte gerne. Ich hoffe, dass der Herr mir diese Reise ermöglicht".
"Es wäre sehr gut, wenn Sie diese Regionen im Landesinnern besuchen würden. Den Wallfahrtsort von Trindade zum Beispiel, nahe bei Goiânia, hielte ich für einen dafür sehr geeigneten Ort. Es ist ein sehr populärer, viel besuchter Wallfahrtsort".
"Trindade, Trindade", wiederholte er, so als wolle er sich den Namen einprägen.
Dann spreche ich ihn auf das Ansinnen der Kardinäle an, dass ich einige Dokumente unterschreiben solle und bekenne ihm, dass ich das für einen Mangel an Vertrauen halte.
"Es kann auch ein Vertrauensbeweis sein", sagt der Papst. "Kardinal Arns mag gerne immer alles schriftlich, wenn er hier ist".
Der Papst setzt sich, breitet die Arme aus und sagt -halb ermahnend, halb im Scherz-: "Damit sie sehen, dass ich kein Untier bin"...
Im ersten Moment bin ich fast erschrocken, dann fand ich die Geste nett:
"Nein, das habe ich nie gedacht", sage ich lachend.
(Doch in jenen Tagen, um ehrlich zu sein, spürte ich wirklich aus der Nähe, wie jener Vatikan einem Käfig ähnelt, wenn auch einem ´goldenen`. Vor der Bronzestatue des Hl. Petrus fielen mir, wie könnte es anders sein, die Verse von Albertini ein, in denen Petrus sich danach sehnt, frei zu sein, einem Fischer gleich.)
Ich bitte Johannes Paul II um seinen Segen für die ganze Prälatur, und wir zählen verschiedene Gruppe auf. Ich bitte ihn an erster Stelle um seinen Segen für die Verfolgten.
"Vor allem die Verfolgten", wiederholt er.
Donnerstagmorgen, 27. August, meine letzter Aufenthaltstag in Rom. Eine weitere Begegnung mit Kardinal Gantin und seinem Sekretär, Monsignore Re. Der Kardinal wirkte angespannt:
"Sie waren beim Papst, nicht wahr"?
"Ja, ich war bei ihm, fünfzehn Minuten lang".
"Unnütze 15 Minuten"...
Angesichts meines Ausdrucks von Verblüffung macht er mir harte Vorwürfe
über die Tatsache, dass in Spanien einige Ausschnitte meines Briefes an Johannes Paul II veröffentlicht worden seien. Alle Welt, fügte er hinzu, wird ihre Unstimmigkeit mit dem Heiligen Vater sehen. Er und sein Sekretär unterstellten, dass es in diesem Brief am nötigen
Respekt fehle.
"Der Brief ist äußerst respektvoll und sehr kirchlich", widerspreche ich. "Ich habe viel nachgedacht, gebetet und mich beraten lassen. Er drückt, ja, Besorgnisse aus und Meinungsverschiedenheiten, die viele von uns Katholiken empfinden und die wir ein Recht haben zu fühlen und auszudrücken als Kirche, die wir alle sind. Es geht in dem Brief nicht um Privates".
Dann wirft mir der Kardinal wieder mit allem Nachruck im Namen der Kongregation für die Bischöfe meine Nicaraguabesuche vor.
"Ich werde beten, werde nachdenken und werde mich mit meinen Vertrauten beraten", antwortete ich.
Er fordert mich noch weiter auf, ich solle mein Gewissen hinsichtlich der Art meines Umganges mit der öffentlichen Meinung prüfen.
"Auch ich bin Bischof der Kirche", versichere ich. "Und ich spüre die Pflicht der Mitverantwortung. Der Papst selbst bestand auf die Bedeutung der Kommunikation. Ich glaube, wir müssen zum Wohl der Kirche Dialog und Pluralismus ermöglichen. Das ist unser aller Aufgabe".
Wir kamen auch auf das Thema Lefebvre zu sprechen. Ich sagte dem Kardinal und seinem Begleiter, meiner Meinung nach habe es dem Geist des Evangeliums entsprochen, dass die Kurie so viel Zeit und Verständnis für den bejahten Bischof aufgebracht habe. Aber ich sagte auch, dass es mir lieb wäre, wenn dasselbe Verständnis auch anderen Sektoren der Kirche entgegengebracht würde. "Wir behandeln alle Bischöfe in gleicher Weise", widerspricht mir der Kardinal. "Kardinal Ratzinger wird ihnen schreiben", schließt er.
Außerhalb des offiziellen Programms hatte ich auch eine äußerst bewegende Begegnung mit dem lateinamerikanischen Kardinal Pironio.
In diesen Tagen gingen meine Gedanken oft um unser aller Glauben -mit Bedauern, in Hoffnung-, um die unverzichtbare Verpflichtung, die uns auferlegt ist, zur Kommunion-Kommunikation zwischen den Ortskirchen und der Kirche Roms; zwischen Papst und seiner Kurie sowie zwischen Bischöfen und den Bischofskonferenzen; zwischen unserer Kirche und den Kirchen, ökumenisch gesprochen; zwischen den Kirchen und der Welt. Vor lauter Felsen und altehrwürdiger Tradition träumte ich von einer anderen römischen Kurie, von einer anderen Art päpstlichen Dienstes. Ich spürte, auch ein wenig mitschuldig, die Abstände, die uns in Widerspruch setzen, wobei wir uns in Katholizität vereint wissen sollten, eine und vielfältig, treu und frei, evangeliengemäß und geschichtstreu.
Und ich verpflichtete mich wieder neu der Wahrheit der Dritten Welt mit einer gewissen ohnmächtigen aber engagierten Empörung. Wenn sie nur diese Wahrheit anerkennen würde, könnte die Erste Welt zu ihrem eigenen Heil menschlich und christlich bleiben.
Ansonsten waren all diese Tage sehr familiär, ich fühlte mich herzerfrischend zuhause. Meine Angehörigen waren nach Rom gekommen, aus Balsareny, aus Valencia. Sie brachten mir Photos mit, Erinnerungen, Unterstützung vom Rest der Familie. Und die gemeinsamen Stunden ließen plötzlich 20 Jahre Abstand verschwinden, ein wunderbares Wiedersehen. Drei Großneffen -Edgar, Meritxell, Elisenda- erhielten aus meinen Händen die erste Heilige Kommunion während einer Feier der Hl. Messe -buchstäblich Hauseucharistie- in den Priscilla-Katakomben. (Meritxell fing an zu weinen vor einigen Darstellungen der Geheimnisse Christi in der Krypta, weil er die Heiligste Dreifaltigkeit nicht verstehen konnte. Und am darrauffolgenden Tag stellte mir ein römischer Psychoanalytiker sein Projekt vor, die menschlichen Beziehungen denen der Dreifaltigkeit gegenüberzustellen. Aus all dem leite ich ab, dass es um das alte Europa doch nicht allzu schlecht bestellt ist, solange sich seine Kinder und Wissenschaftler darum bemühen, sich ein- und derselben unaussprechlichen Dreifaltigkeit zu nähern. Noch gibt es Glauben in Israel!)
Ich war im Generalat meiner Claretianermitbrüder zu Gast und wirklich wie ein Bischof untergebracht. Im Claretianum konzelebrierte ich mit ehemaligen Studienkollegen, die heute als Missionare über die ganze Welt verstreut leben. In Tre Fontane feierte ich mit den immer so weltoffenen und weitsichtigen Kleinen Schwestern Jesu die Hl. Eucharistie, auch mit der "brasilianischen" Gemeinde -von Rom und Assisi-, die mich mit einem Senfkorn aus dem Abendmalsaal in Jerusalem beschenkten. Ebenso mit den Schwestern des Hl. Josef von Chambery, mit den Anbetungsschwestern. Ich traf mich mit Lateinamerikanern, gab einige Interviews und lernte wunderbare neue Gemeinschaften kennen, Solidaritätsgruppen, Glaube, Engagement. Zurück aus Assis, aß ich mit den Kleinen Brüdern des Evangeliums zu Abend. Ich sprach mit Ordensleuten, die sich in Menschenrechtsgruppen organisieren und war bei den Steyler Missionaren zu deren Generalkapitel eingeladen. Ich durfte bei Pater Arrupe sein, der seit Jahren sein Kreuz der Untätigkeit und des Schweigens tragen muss. Als ich ihm davon berichtete, wie gut seine Jesuiten vor allem in unserem Mittelamerika arbeiteten, lächelte und weinte er.
Am Sonntag, dem 19. Juni, wohnte ich mit meinen Angehörigen der Heiligsprechung von 117 vietnamesischen Martyrern mit lateinischen, vietnamesischen und baskischen Gesängen bei. Der Dominikaner Pere Almató , einer von diesen Martyrern, ist ein Landsmann von mir aus San Feliu Saserra. Ein andrerer ist der junge Franziskanermissionar Teofano Venard, den ich in meiner missionarischen Jugend so oft angerufen habe.
Eines Abends besuchte mich ein junger Mann, ehemaliger Verkäufer, ein neuer solidarischer Freund. Er überreichte mir Gegenstände aus Gold aus dem Familienbesitz zugunsten der Sache der Indios. Er hatte in "La Republica" einige meiner Äußerungen gelesen und sagte mir nun bewegt, er sei davon überzeugt, dass die Indianervölker nur mit internationaler Unterstützung überleben könnten.
So viele Freunde aus Sabadell, aus Barbastro, Madrid, Manresa, Sallent, Vic, aus Europa und aus Amerika durfte ich wiedersehen, so dass jener Vers über "das Herz voller Namen" sich völlig bestätigte.
Dann fuhr ich nach Assisi. Assisi zu besuchen war mir eine weitere Pflicht während dieser Pilgerfahrt. Wieder begleiteten mich bedingungslos die Freunde Fernando und Angel und die nicht enden wollende Menschenmenge aus "Pé na caminhada", die mich nicht einen Augenblick an diesen Orten des "armen Poverello" alleine ließen. (Anmkg.: "Pé na caminhada" war ein Kinofilm 1987 von Conrado Berning über die Armutsbewegung/ Befreiungstheologie der brasilianischen Kirche. Am Drehbuch hatte Pedro Casaldaliga mitgearbeitet. Deutscher Titel: "Gottes Volk auf dem Weg". Zu beziehen bei Verbo Filmes-D, Münster)
In Assisi, in ganz Umbrien, strahlte alles wie die Seele des Franziskus selbst. Die nackten Felsen, die leuchtenden Geranien, die Tauben, die Höhlen, die Fresken, die Gräber, der kleine Garten der Schwester Clara, wo Bruder Franz den Lobpreis des Schöpfers im Sonnengesanges besungen hatte. Wirklich alles lud ein zur Armut, zur Freiheit, zum Frieden, zur "Fraternura" (Zwei Worte ineinander verschlungen: Geschwisterlichkeit und Zärtlichkeit). In San Damiano feierten wir die Hl. Messe genau an dem Tag, an dem die Stadt der Hl. Klara geweiht wurde.
Ach, Franziskus, der du respektvoll mit den Blumen umgingst und das Evangelium ohne Glossen lebtest, in vollkommener Freude gekreuzigt, wie gut tut es uns, um dich zu wissen. Du fehlst uns allen, die wir dem Herrn Jesus nachfolgen!
Ich bin wieder zurück in São Félix do Araguaia, kirchlicher, so hoffe ich, und auch mehr Lateinamerikaner. Zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes.
Pedro Casaldaliga
Bischof von
São Félix do Araguaia im Mato Grosso-Brasilien
Im August 1988
(Übersetzung aus dem Portugiesischen: Hermann Mayer)
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