Tagebuch im Konzil
Helder Câmara
Vaticano II:
CORRESPONDÊNCIA CONCILIAR
Circulares à família do São Joaquim
1962 - 1964
Übersetzung: Conrad Berning
(aus dem ersten Konzilsjahr 1962)
S. 39 Nr. 9 21.10. 1962
Monsignore Mercier ist für eine symbolische Geste vonseiten der Konzilsväter: alle würden ihre Brustkreuze abgeben und stattdessen mit Holzkreuzen heimkehren.
Wir bereiten das Komplott vor. Mercier (mit Hilfe des Opus Angeli) verfasst den Text und ich trage ihn vor.
Zusammen gehen wir dann zum Kardinal Feltin (er als Verfasser der Rede vor dem Kongress von Pax Christi hat die Verpflichtung, uns zu verstehen und zu unterstützen). Ich werde versuchen, die Kardinäle Montini und Suenens zu gewinnen. Am Freitag werden wir die Versammlung mit den französischen Bischöfen haben. Sie alle, unter der Präsidentschaft von Kardinal Gerlier, sind reif für diese Idee.
Als Allererstes werden wir die unterentwickelte Welt auf unserer Seite haben: Lateinamerika, Asien und Afrika. Aber ich hoffe, auch einen Großteil Europas mitreißen zu können durch die europäischen Bischöfe, die in Afrika und Asien leben und wirken. Wir werden die befreundeten Kardinäle gewinnen. Wir werden Vorträge halten, Begegnungen, Anbetungsstunden, Bußakte organisieren, sowie gemeinsame Abendessen.
Ob das das Spektakel auf dem Petersplatz sein wird?...
Der Hl. Franz von Assisi -um uns dieses große Beispiel vor Augen zu halten- hat auf den ersten Blick einfach auch nur das Wort Jesu über seine eingestürzte Kirche wörtlich genommen: er erneuerte die Kirche von Sankt Damian...
Verzeiht mir meine Träume. Die Intention ist so selbstlos und reinen Herzens. Die Liebe zur Kirche so groß. Ich sehe in meinem Traum diese Kirche in vorderster Front, ganz vornean im Einsatz für die Niedrigen und die Armen!
Helft alle mit, so viel ihr könnt. Ohne Opfer und ohne Gebet geht nichts.
Segen vom Bruder Franz
S. 56 Rundbrief Nr. 17 1.11.1962
Wie gut wäre es, wenn mit einem Mal endlich Schluss wäre mit der Kaste der Bischöfe-Fürsten und sich für immer das Bild des Hirten, des Dieners, des Vaters durchsetzen würde!
Wie gut wäre es, wenn das größte und wichtigste Anliegen eines jeden Bischofs die Bildung eines Teams mit seinen Priestern und den Laien wäre, um so besser Gott und dem Nächsten dienen zu können!
Wie gut wäre es, wenn der Traum von der armen Kirche (angefangen bei Papst und Bischöfen) das Komplott einer kleinen Gruppe übersteigen- und übergreifen würde auf das gesamte Bischofskolleg!
S. 59 Rundbrief Nr. 18 1.11.1962
(Studien mit Yves Congar)
Der Episkopat im Verhältnis zum Volk Gottes
a) Der Bischofsdienst innerhalb der Weltkirche
Von der Einheit der Kirchen zu einer universellen Ecclesiologie.
Das Gefühl der Universalität war immer verbunden mit dem Wunsch nach der Einheit der Kirche: ein Geist, eine Taufe, eine Kirche...
Dein Volk, deine Menschen, deine Kirche... Das Schisma ist die Trennung des Glaubens, der Liebe, der Quelle des Heils. Universelle Kirche, die Kirche überall.
Außer dass sie sich gegenseitig besuchten, realisierten die Bischöfe Generalversammlungen, Synoden, Konzilien. Sie standen in Briefverkehr. Sie hatten ein freundliches Wort füreinander in Stunden des Schmerzes. Sie konzelebrierten, schickten an abgelegene Kirchen gesegnetes Brot oder manchmal gar geweihte Hostien.
Rom war stets die ältere Schwester oder die Mutter. Der Papst war Richter und Bewahrer der Einheit...
Die Gefahr für Rom besteht darin, von der Einheit zur Gleichheit zu wechseln. Die Gefahr der Uniformität ist sehr groß. Es besteht die Gefahr, im Papst den einzigen Hierarchen göttlichen Rechts zu sehen, eine Art von Super-Bischof auch in der sakramentalen Ordnung. Eine Gefahr, das Bischofskolleg als eine Art Vermächtnis aus der Zerbröckelung des Feudalismus, unzeitgemäß und überholt, weiterleben zu lassen.
b) Der Bischofsdienst innerhalb der Ortskirche
c) Formen der Bischofskollegien
Moderne Formen der Bischofskollegien (Fr. Houtart)
Houtart, unser Freund Houtart, studiert neben den klassischen Formen eines Bischofskollegiums (Konzilien), das Entstehen und die Rolle nicht der Bischofskonferenzen, sondern des CELAM (Lateinamerikanischer Bischofsrat).
Ich bin mir sicher, dass die Bischofskonferenzen gestärkt aus dem Konzil herausgehen. Und so Gott will, wird der CELAM, was die Autonomie angeht, stark werden. Nur so macht es auch Sinn, das glückliche Entstehen des CELAF (afrikanischer Bischofsrat) und die gemeinsame Anstrengung Lateinamerikas und Afrikas bei der Schaffung des CELAS, der Asien einen soll, zu unterstützen.
Ich bin mir auch sicher, dass das alles im Einklang geschieht mit der universellen Kirche. Die Bischöfe organisieren sich, auf kontinentalen Ebenen, nicht um sich abzukapseln, sondern um in Dialog zu treten.
S. 77 Rundbrief Nr. 22 3.11.1962
Ich komme soeben zurück vom Pontifikalamt, das im ambrosianischen Ritus gehalten wurde und in Ehrung des Papstes, der seinen vierten Jahrestag der Krönung begeht.
Ich war offenen Herzens hingegangen, denn Johannes XXIII ist ein Mensch, von der Vorsehung gesandt. Doch dann ging ich betrübt wieder nach Hause, so wie nach dem Pontifikalamt bei der Eröffnung.
Aus dem Gesichtspunkt der Einheit der Kirchen und des Eindrucks auf die nichtkatholischen Beobachter ist die Wirkung (ich vermute das nicht nur, sondern ich hatte Kontakt mit ihnen) völlig negativ: ein Exzess an Pomp und fehlende kommunitäre Liturgie.Es bedrückt mich sehr zu sehen, wie das Volk (einschließlich von weither angereiste Pilger) draußen auf dem Petersplatz bleiben müssen: es gehen die Bischöfe rein, und die Tore schließen sich. Herein dürfen (durch Spezialeingänge und mit äußerst fragwürdigen Eintrittskarten) nur das diplomatische Korps und das römische Patriarchat. Die drei päpstlichen Wächter in schwerer Uniform -lächerlich, beispielsweise, wenn sie sich beim Segen niederknien mit dem rechten Knie, während sie mit der linken Hand salutieren, weil sie mit der rechten die Lanze halten müssen. Dann stehen da, stolz auf ihre Komturkreuze und Verdienstorden, die Ordensritter, Offiziere und Kreuzträger des Hl. Silvester, des Hl. Grabes und des Hl. Gregor des Großen (ohne zu sprechen vom Malteserorden). Dann kommt der Papst auf einem Tragsessel (ein Thronsessel, von vier Männern auf den Schultern getragen), mit einer dreifachen Krone -der Tiara- auf dem Kopf und einer perfekten Renaissance-Szenerie drum herum. Niemand sagte etwas, niemand sang, es sei denn die Monsignori, als sie die Altarstufen erreicht hatten und ein Gesangschor.
Noch einmal - außer der Hl. Messe, die auf jeden Fall der Höhepunkt ist- wurde die ganze Zeremonie gerettet durch die Predigt des Hl. Vaters, die ich euch mitschicke.
Bitte verzeiht mir, wenn ich alles so schreibe. Ich möchte mich auf keinen Fall, nicht einmal schattenhaft, von der Liebe und dem Geist des Konzils entfernen. Aber es ist die Liebe (zu Gott, zum Nächsten und zum Konzil), die mich bewegt, so zu sprechen.
Es gab eine Kardinalsparade - mit langen Schleppen, die über die Steine der Basilika gezogen wurden. Das alles muss ein tiefes Unwohlsein in Sachen der Einheit hervorgerufen haben. Alles stand im krassen Gegensatz zu den Worten des Papstes, der von "Knecht der Knechte" sprach, vom guten Hirten und von Bescheidenheit und Demut. Ich spüre da die Zwangsveranstaltung heraus, von der er sich noch nicht befreien kann.
Beim Evangelium bittet der Diakon um den Segen und küsst ihm die Füße...
Noch einmal meine Bitte an Euch, meine Worte nicht böse auszulegen. Ich bin keinesfalls verbittert, nichts soll üblen Nachgeschmack haben. Ich glaube zu fühlen, was der Papst im Innersten durchgemacht haben muss. Und ich träume von dem Tag, da der Stellvertreter Christi frei sein kann von allem Prunk und Gepränge, worüber die Snobs und die Edlen sich freuen, was jedoch für die Kleinen und Nichtglaubenden ein Ärgernis ist.
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S. 88
Was die Schaffung von Bischofskonferenzen angeht, besteht Einheit. Sogar Italien (wo es nur Regionalkonferenzen gab) ist dabei, möglichst bald eine nationale Konferenz zu schaffen...
Ernst angedacht wird ein authentischer Senat, der mit dem Papst zusammen die Kirche regiert. Die Hl. Römischen Kongregationen dürfen nur Exekutivcharakter haben, und das Kardinalskollegium scheint für diese Rolle nicht geeignet.
Und alle Orientierungen gelangen zur Notwendigkeit der richtigen Sicht des Episkopats und seins Platzes innerhalb der Kirche.
So müssen wir das Schema über die Kirche angehen, mit einem Kapitel über die Bischöfe und einem über das Laienapostolat, wobei Letzteres getrennt werden muss von "Medien, Kino, Radio und Fernsehen". Wenn man das zusammenbringt, würdigt man weder das eine (die Laien), noch das andere (die Medien)
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In Klammern sei noch gesagt: bei der größtmöglichen Liebe zu unserer Mutter Gottes, spüre ich, dass sie selbst die erste ist zu wünschen, dass der Marienkult nicht übertrieben wird und somit unüberwindbare Schwierigkeiten schafft im Gegenüber zu Christen, für die offensichtliche Übertreibung, zu der wir gekommen sind, ein Skandal bedeutet.
Heute wurde offiziell das Ende der ersten Konzilsphase mitgeteilt: 8. Dezember mit einem Pontifikalamt des Hl. Vaters...
S. 99 Rundbrief Nr. 29 11.11.1962
Während die Liturgiekommission damit beschäftigt ist, der Vollversammlung endgültige Unterlagen zur Abstimmung vorzulegen, müssen wir uns mit den Entwürfen zur Kirchlichen Lehre beschäftigen.
Wir möchten dem Schema über Kirche (Bischöfe und Laien) Priorität geben, damit., wie ich Euch schon mitteilte, das II. Vatikanum das I. vervollständigt und weiterführt. Ansonsten werden wir nicht die Wege zur Einheit ebnen, wir werden nicht die Hypertrophie der Römischen Kurie korrigieren und den Papst befreien.
Weil das Schema über die Kirche noch nicht ausgeteilt wurde (obwohl man weiß, dass es bereits gedruckt ist), und weil unser Gegenentwurf noch nicht gedruckt wurde, mussten wird ringend sehen, wie wir uns verhalten angesichts der Schemata über die Quellen der Offenbarung. Diese scheinen uns unannehmbar so, wie sie sind. Sie entsprechen nicht dem Geist des Konzils.
Auf der anderen Seite, wie ich schon erklärte, sind Liturgie und Theologie wichtige interne Themen für uns selbst, aber das Volk erwartet ganz andere Studien von uns und andere Konzilsentscheidungen.
Das unwohle Gefühl war ziemlich allgemein, jedoch wagte es niemand, die Bischofskonferenzen zusammenzuholen, um nachzudenken und zu entscheiden, im Glauben, so das Wohl der Kirche und des Volkes zu sichern.
Da ich selbst zu allem entschlossen war und hierher gekommen war, lud ich -testweise- verschiedene Konferenzen zu einem brüderlichen und informellen Treffen ein.
Die Afrikaner entschuldigten sich, sie hatten eine sehr wichtige Versammlung, bei der sie nicht fehlen konnten. Mons. Primeau aus den USA handelte ebenso. Aber sie alle sind im Geiste bei uns.
So Gotte will, werden am nächsten Dienstag Australien, Spanien und Italien dazu kommen. Belgien und Holland sind bereits bei uns in brüderlicher Arbeit.
Am Dienstag werden wir das neue Schema über die Quellen der Offenbarung vorlegen und durchgehen, ausgearbeitet von der Gruppe Opus Angeli unter der Schirmherrschaft von Kardinal Suenens, der Kardinäle von Frankreich, Deutschland und Holland. Der Text wurde auf Druckfehler durchgeschaut, weil er während der ganzen letzten Nacht vom Sekretariat der Deutschen vervielfältigt wurde unter der persönlichen Aufsicht von Kardinal Frings.
...
Unsere schwere Stunde ist gekommen. Ich bleibe ruhig, weil der Hl. Vater gut über alles informiert ist dank der Vermittlung über Kardinal Suenens, der ihn immer über all unsere Schritte auf dem Laufenden hielt. Der Papst hatte diesbezügliche direkte Telephongespräche mit Kardinal Frings...
Allerdings arbeitete Boaventura Kloppenburg beim ersten Schema über Kirche und er zeigt sich entschlossen, dieses auch zu verteidigen (was unser Kardinal wahrscheinlich als offizielles Projekt verteidigen wird).
Bei allem am wichtigsten für uns ist, der Kirche zu dienen, die Einheit zu wahren -denn ohne diese Haltung würden wir glauben zu dienen, würden jeodhc in der Tat nicht wirklich dienen...
Habt noch Geduld. Vieles wird sich in diesen Tagen entscheiden.
Gott möge uns inspirieren, schützen und segnen.
S. 101 Rundbrief Nr. 30 11.12.1962
Ich bereue es nicht, Eure Aufmerksamkeit auf das Schema der Kirche gelenkt- und an das Vatikanum I erinnert zu haben. Letzteres hatte nur Zeit für das Studium der Kirche, den Primat und die Unfehlbarkeit des Papstes. Das II. Vatikanische Konzil nun sollte dieses Kirchenbild vervollständigen. Deshalb schickte ich Euch das Material über Bischofskolleg und über Laien.
Wenn es nun wahr wird, dass es uns nicht gelang, in der ersten Phase unsere Vorschläge über DE ECCLESIA durchzusetzen, so habt ihr doch mit uns zusammen unseren Einsatz und den aufrichtigen Versuch miterlebt: jeder Schritt, z.B. im Liturgieschema oder in jedem anderen, welches zum Studium vorgelegt wird, stößt zusammen mit der Notwendigkeit zu wissen, wieweit die Rechte und Pflichten der Bischöfe gehen... Man spricht beispielsweise von den Bischofskonferenzen. Die sind jedoch neu und stehen noch nicht einmal im Kirchenrecht. Ihre Rechte und Befugnisse müssen auf dem Konzil erst geklärt werden.
Im Fall der Bischöfe: solange man nicht klar erkennt, dass der Papst kein Despot ist, solange man nicht sieht, wie er innerhalb des Episkopats agiert, wird es unüberbrückbare Schwierigkeiten geben für das Dazustoßen neuer christlicher Familien.
Das Thema ist von solcher Wichtigkeit, dass wir den Papst bitten werden, es an die erste Stelle der zweiten Konzilsperiode zu stellen.
Jetzt, da wir eintreten in das Studium der "Quellen der Offenbarung", muss ich euch noch Hilfsmaterial schicken, immer in der Hoffnung und mit dem Wunsch, das Konzil von innen zu erleben, mit viel mehr Einsatz und Begeisterung.
Ich schickte euch ein Ersatzdokument, von dem wir wünschen, dass es in der Vollversammlung vorgelegt wird, wenn wir als Block und von vorneherein die offiziellen Schemata ablehnen. Ich sagte bereits, dass sie nicht annehmbar sind. Sie entsprechen nicht dem Geist des Konzils, das -laut Papst- nicht zusammengerufen wurde, um zu verdammen. Ich möchte heute ein Beispiel dessen geben, was ich beteuere. Das wird um so wichtiger, weil es
- auch wenn die absolute Mehrheit des Episkopates das offizielle Dokument zurückweisen möchte, weil zu negativ und zu engstirnig- Bischöfe gibt, auch brasilianische, die die Originalfassung "Quellen der Offenbarung" durchsetzen wollen. Und das vor allem, wie ich schon erklärte, weil Boaventura Kloppenburg an der Ausarbeitung beteiligt war.
Die fünf Hauptpunkte des Dokumentes sind:
a) die zweifache Quelle der Offenbarung
b) die Hl. Schrift, inspiriert, ohne Fehler, literarisch komponiert
c) das Alte Testament
d) das Neue Testament
e) die Hl. Schrift in der Kirche
Jedes dieser Kapitel besteht aus Verneinungen, Drohungen, Verurteilungen, obwohl der Hl. Vater nicht müde wird zu wiederholen, dass dieses Konzil nicht dafür da ist zu verurteilen oder den Blick in die Vergangenheit zu richten, sondern die Verjüngung der Kirche voranzubringen und so die Wege der Einheit zu ebnen.
Als erstes liest man nun:
"Niemand also möge es wagen, den Wert der Tradition zu verringern oder ihm den Glauben abzusprechen. Obwohl die Hl. Schrift inspiriert wurde und ein göttliches Instrument für die Verkündigung und Darlegung der Glaubenswahrheiten ist, kann dennoch ihr Verständnis nur durch die Tradition richtig und vollständig erreicht werden. Derart, dass die Tradition und nur sie der richtige Weg sein kann, um vor allem die Inspiration, die Rechtmäßigkeit und Unversehrtheit aller Bücher und eines jeden einzelnen Buches der Hl. Schrift klarzustellen".
...
Im Kapitel über die Inspiration, Fehlerlosigkeit und literarische Komposition der Hl. Schrift, erreichen der Negativismus und der Durst nach Verdammung ihren Höhepunkt:
"Quapropter jure Ecclesia omnino reprobat..."
Die weiteren Kapitel zeugen vom gleichen Geist. Ich möchte nicht mehr darüber sprechen, um nicht müde zu werden.
Papst Johannes ist bei uns. Aber es wird nicht einfach, besonders für mich nicht.
Doch jetzt eine Notiz der Genugtuung. Kardinal Montini muss wohl das "Gebet für die Einheit" kommentiert haben, denn der Sekretär des Papstes (Mons. Capovilla) bat um ein Treffen. Er möchte Näheres zu dem Plan erfahren...
Gott Dank, diesbezüglich und in Bezug auf alle anderen Punkte bin ich gelassen. Vielleicht gelingt es uns ja,
- den Liturgieentwurf zu verabschieden, so dass es die Pastorallinie, in welcher es gedacht war, rettet?
- den offiziellen Entwurf der "Quellen der Offenbarung" auszutauschen gegen ein breiteres und positiveres?
- Priorität zu setzen für De Ecclesia?
- die unmittelbare Einrichtung einer Kommission für Armut und Unterentwickelte Welt zu erreichen?
- das Gebet für die Einheit zu konkretisieren?
Nachdem ich die Schüchternheit überwunden- und mich mit Leib und Seele in das gestürzt habe, was ich als Dienst an Gott, Kirche und Konzil erkenne, möchte ich von vorneherein und aus ganzem Herzen das, was ER will. Ich ziehe vor, was ER vorzieht. Ich nehme es bedingungslos an und rechne mit der Gnade Gottes.
S. 113 Rundbrief Nr. 35 17.11.1962
...
Es geht noch die Diskussion über das Schema Quellen der Offenbarung weiter. Die Mehrheit des Konzils ist gegen das Schema: es sei negativ, pessimistisch, nicht im Einklang mit dem Geist des Konzils, zu festgelegt in noch offenstehenden Fragen, einschränkend auf exegetische Forschungen...
Am Montag kommt es zur Abstimmung, und ich glaube, dass es bei der Vorabstimmung nicht durchkommt. Über das Thema hielt uns auch Dom Aloísio Lorscheider, Bischof von Santo Ângelo (Rio Grande do Sul) einen hervorragenden Vortrag.
S.130 Rundbrief Nr. 40 21.11.1962
Ihr solltet das Konzil kennen. wie es ist. Göttlich-menschlich. Von Gott geführt, von Menschen durchgeführt. In entscheidenden Stunden, bei Verkündigung von Glaubens- und Moralfragen- nimmt uns der Hl. Geist an der Hand. Wenn nötig, stößt er uns an oder zieht uns an den Haaren...
Gegen Ende der Sitzung am Montag, 19.11., als die Einleitung des Entwurfes über Quellen der Offenbarung verlesen wurde, ging ein Schaudern durch die Reihen des Auditoriums: der Vertreter der Kommission für die Einheit der christlichen Familien belegte klar und deutlich, dass das vorliegende Schema ein Schritt nach Rückwärts bedeute und die Wege der Einheit blockieren würde. Er ließ die Bischöfe erstarren, als er mitteilte, dass die Theologenkommission unter der Präsidentschaft von Kardinal Ottaviani aus unbekannten Gründen systematisch die verschiedenen Angebote der Mitarbeit der Kommission für die Einheit der Christen abgelehnt hatte.
Hätte es in dieser Stunde eine Abstimmung gegeben, wäre das ganze Schema zum Fallen gebracht worden. Es gab sie nicht. Es kam ein zweiter Redner, der tat, als wäre gar nichts geschehen. Am Abend dieses Tages bekam ich Nachricht vom Opus Angeli, dass die Sitzung am 20.11., stattfinden würde, mit Abstimmung.
So kam es also zur Abstimmung, und zwar auf ganz kuriose Weise. Man hätte beim vorliegenden Schema ein Plazet oder Non-Plazet erwartet. Stattdessen ging es aber so:
- wer das Schema ablehnt, soll ein Plazet geben (will heißen: stimmt der Ablehnung zu)
- wer das Schema annimmt, soll ein Non-Plazet geben (stimmt der Ablehnung nicht zu).
Könnt ihr euch die Konfusion bei diesem Meisterwerk des Bösen vorstellen?
Um abzulehnen, muss ich mit Plazet- und um anzunehmen, mit Nicht-Plazet stimmen:
Das Ergebnis war dann folgendes:
Anwesende: 2209
Plazet (Ablehnung) 1368 2/3 von 2209 wären 1473
Non Plazet (Zustimmung) 822
Enthaltungen 19
Der Entwurf wurde angenommen, weil 105 Stimmen fehlten, um ihn zum Kippen zu bringen.
Alle verließen schweigend des Saal. Es war wie beim Fußballweltmeister-Heimspiel im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro, als wir gegen Uruguai verloren hatten. Die Diskussionen hörten nicht auf. Es bestand die Gefahr, dass die Beobachter allzusehr über das Dokument
-unglaublich negativ und ohne Konzilsgeist- enttäuscht waren. Ein Entwurf mit ganz engen Positionen bei Themen, die frei und offen von Theologen anders dargelegt worden waren. Ein Entwurf, der Verdächtigungen gegen die Anstrengung von Exegeten in die Welt setzt...
Wir verließen St. Peter, um zum geplanten Mittagsessen mit Jean Guitton zu gehen. Er ist hier als Beobachter und representiert die Französische Akademie beim Konzil. Meine französischen Freund hatten die Idee, die Sahne des Welt-Episkopates zu versammeln. Gekommen waren dann weniger als 10. Niemand hatte Mut, das Wort zu ergreifen.
Ich nahm es locker: was ist das für eine Geschichte, groß das Wirken des Hl. Geistes zu verkünden, wenn alles nur nach unseren Vorstellungen verläuft?... Das Eis war gebrochen, die Traurigkeit dahin, der Glaube neu entzündet. Hoffnung kam wieder auf, die Liebe stand oben an.
Um 17 Uhr fand dann ein ökumenisches Treffen in unserem Hause statt. Es war als hängte einer vom anderen- und alle von allen ab. Niedergeschlagene Geister, so wie durchnässte Vögel nach einem starken Unwetter...
Damit ihr euch das besser vorstellen könnt: sogar ein heiligmäßiger Mensch wie Mons. Ancel schlug vor, dass wir eine Taktik des Schweigens und der Vereisung parktizieren sollten. Das brachte mich auf die Palme: "Auf keinen Fall! Das wäre nicht Konzilsgeist. Ich appeliere von Mons. Ancel zu Mons. Ancel. Es soll der wahre Ancel jetzt sprechen, denn wir hörten soeben aus dem Munde eines Heiligen die Stimme des Versuchers".
Bischof Ancel verwandelte den ganzen Saal, mit einer tiefen Demut. Er hatte sich gerettet und rettet uns alle. Es war einfach ansteckend, wie die Hoffnung zurückkehrte. Er schlug einen absoluten Vertrauenskridit in den Hl. Geist vor! Alle lachten, glücklich.
Und die Themen des Tages wurden approbiert (zwei Petitionen, von denen ich im Rundschreiben 37 schrieb). Wir werden direkt eine Kommission bilden, die zum Generalsekretär des Konzils geht, um sie zu überbringen, inklusive jene Petition zur Bildung des Sekretariats für Armut und Unterentwickelte Welt.
Als ich dachte, endlich schlafen gehen zu können, mit so vielen Emotionen (und den schweren Lasten so vieler entmutigten Brüder auf meinen Schultern), kam zum Abendessen Mons. Dossing zu uns, Sekretär von Misereor. (Er zieht Englisch dem Französischen vor und ist taub auf einem Ohr). Aber das Konzil verdient unvergleichlich mehr Anstrengung.
Mons. Guerry (Autor verschiedener Bücher; ihr habt auch einige ins Portugiesische übersetzt) möchte im Domus Mariae Bischöfe aus aller Welt einladen, die sich für die Arbeiterbewegung interessieren. Ein Treffen zusammen mit Felix Lacambre und dem Domherren Faureau, Generalsekretär und Nationaler Assistent der katholischen Arbeiterbewegung Frankreichs: Montag, 26., 16:30 Uhr
Noch vier Mitteilungen:
- heute, so Gott will, um 16 Uhr Vortrag von Kard. Bea
- 18 Uhr: der Hl. Vater, empfängt die Bischöfe Brasiliens
- Montag Vormittag: Besuch von Abbé Pierre
- Morgen zur Abwechslung Ankunft von Aglaia.
S. 133 P.S. Rundbrief Nr. 40
Zurück aus dem Konzilssaal. Großer Gott, wir loben dich! Magnificat!
Der Hl. Vater -in Kenntnis gesetzt über das Ergebnis der Abstimmung und des Inhaltes der vorangegangenen Debatten- legte fest, dass der Entwurf über die Quellen der Offenbarung einer gemsichten Kommission unterworfen würde, welche sichz zusammensetzt aus einer theologischen Kommission sowie einer Kommission für die Einheit der Christlichen Kirchen. Genau das, was Kardinal Ottaviani vermeiden wollte und was er zurückgewiesen hatte, ließ der Hl.Vater jetzt ausführen.
Ein großes Aufatmen im Konzil! Eine freudige Erleichterung, sichtbar, berührbar, hörbar. Eine Probe -für den, der eine solche brauchte- dafür, dass die Konzilväter sich bewegen und der Hl. Geist sie führt.
Morgen, immer so Gott will, um 11,30 Uhr, ein geschichtliches Ereignis: 5 Bischöfe, einer pro Kontinent (und ich habe die Freude, Lateinamerika representieren zu dürfen und dann auch meinen guten Freund Mons. Matthew Beovich, Erzbischof von Adelaide, wiederzusehen, der Australien vertritt) -wir werden die Petition zur Schaffung eines eigenen Sekretariats für Angelegenheiten der Armut und der Unterentwickelten Welt überreichen. Wir sprechen für mehr als 2000 Bischöfe!...
Und um 14:30 dann am Flughafen, wo ich euch alle in der Person von Aglaia empfangen darf
Im nächsten Rundbrief Nr. 41 werde ich alle Informationen zum Thema Soziale Kommunikationsmittel schicken, welches am Freitag beginnt. Das Schema zu den Offenbarungsquellen wurde zurückgewiesen und darf erst wieder in der nächsten Phase vorgebracht werden.
S. 134 Rundbrief Nr. 41 21./22. 11.1962
Wir hatten eine bezaubernde Privataudienz mit Johannes XXIII. Alle brasilianischen Bischöfe waren anwesend, außer zwei, die aus Krankheitsgründen nicht dabei sein konnten: Dom Gregório Alonso und Dom Jorge...
Es kam der Papst, ohne Schutzmänner, zu Fuß, so liebenswürdig. Als erstes erzählte er uns, dass er 6 Jahre alt war, als eine seiner Tanten nach Brasil auswanderte. Da hörte er zum ersten mal von unserem Land und nie wieder vergaß er es. Im Gegenteil, es wuchs immer mehr in seinem Herzen.
Er wollte die Begegnung ausnutzen, um mehr über Brasilien zu erfahren. Und er las und kommentierte eine sehr gut gemachte Synthese über unser Land und unsere Menschen.. Die ökonomische, soziale, politische, religiöse Situation... Immer sehr liebenswürdig. Immer optimistisch. Er setzte ganz offensichtlich auf uns. Er brachte uns einen unendlichen Vertrauenskredit entgegen.
Einmal sagte er: Brasilien hat keine offizielle Religion. Aber es herrscht zwischen Regierung und Kirche nicht nur ein gegenseitiger Respekt, sondern eine loyale und perfekte Zusammenarbeit. Damit deutete er mit offensichtlicher Sympathie auf die Begegnungen der Bischöfe des Nordostens und das Abkommen über die Basiserziehung durch Radioschulen zwischen Regierung und Kirche.
Er zeigte sich begeistert über die Radioschulen. Er meinte, so etwas gäbe es in Europa nicht. Er sagte, eines guten Tages wolle er ins Flugzeug steigen und nach Brasilien fliegen, um wenigstens eine dieser Schulen aus der Nähe kennenzulernen... (Bei unserem Beifallsausbruch fühlte er sich wohl verpflichtet noch hinzuzufügen: es ist äußerst wichtig für die Entwicklung des Landes, wenn Basiserziehung und Gruppenorganisationen vorangetrieben werden...)
S. 137 Rundbrief Nr. 43 23.11.1962
Wahrhaftig, ihr alle seid zu Besuch gekommen in der Person von Aglaia. Sie brachte mir Briefe von euch allen mit. Welch eine Freude!
Am Sonntag soll ich die Hl. Messe feiern mit Journalisten der ganzen Welt, die beim Konzil akkreditiert sind. Ich werde in Französisch sprechen und Kopien ausgeben in Französisch, Portugiesisch und Englisch. Ich schicke euch drei Kopien auf Portugiesisch: eine für euch, die anderen beiden für GLOBO (Tageszeitung) und irgendeine Morgenzeitung, um eventuell verstümmelten Zusammenfassungen entgegenzuwirken, die -wie auch immer- herüberkommen mögen.
P.S. zu Rundbrief 43 (25.11.1962)
Gestern, spät nachmittags, besuchte mich eine Monsignore aus dem Vatikan, im Auftrag von Mons. Felice, dem Generalsekretär des Konzils. Er war äußerst aufgeregt. Er sagte, er hätte mit Mons. Felice zusammen gebetet für einen guten Ausgang seiner Mission. Mein Diskurs war bereits übersetzt und vervielfältigt (er hatte ihn in verschiedenen Sprachen unter dem Arm), als Mons. Felice ihn zu Gesicht bekommen hatte. Und er übertrug mir eine Bitte, dass ich mich damit einverstanden zeige, ihn nicht zu veröffentlichen, um damit den Papst nicht traurig zu stimmen. Ich war liebenswürdig und antwortete, dass ich Mons. Felice dankbar sei, der ja mit der Rücknahme meines Diskurses ganz und gar einverstanden sei. Er könne ruhig bleiben, ich würde den Journalisten sagen, was inhaltlich auf keinen Fall Probleme bringen könnte. Ich betonte, dass ich bei allem nicht nur an den Hl. Vater denke, sondern an ihn, Felice, der sein Leben für das Konzil gibt, der bis zur Erschöpfung arbeitet und den ich auf keinen Fall traurig stimmen möchte.
Danach bat ich um Erlaubnis, um mit Galileu sagen zu dürfen: "e pur si muove". ("Und sie dreht sich doch"). Kritiken gibt es. Die Enttäuschung ist groß. Meine Worte an die Journalisten sollten das Vertrauen ins Konzil wieder neu entzünden.
Die Idee, den Vortrag an die brasilianischen Zeitungen weiterzureichen, gilt also nicht mehr. Für eure Neugierde schicke ich ihn euch in Portugiesisch, Englisch und Italienisch.
Das Treffen gestern mit Kardinal Suenens war großartig. Wir beteuerten einen Pakt, offen und gewagt. Er garantiert, dass sich das Sekretariat für das "Ökumenische" stark macht. Er stimmte völlig der von mir im Diskurs vorgeschlagenen Versammlung zu. Er bat um eine Kopie in Französisch, um sie dem Hl. Vater vorzulesen. Seine Begeisterung für das Gebet für die Einheit war groß und will mich mit zum Papst nehmen, damit wir ihn gemeinsam überzeugen, den Traum zu approbieren.
Wisst ihr, was es bedeutet, einen Freund zu haben, einen Bruder? Wir wollen nichts anderes, als das Wohl der Kirche. Alle Pläne, alle Vereinbarungen lagen auf der Linie der reinen Liebe zu Gott und zur Menschheit.
Was uns fehlte, war ein Kardinal, angesehen, mit Direktzugang - wann immer er es für nötig hielt- zum Papst. Er zeigte mir im Vertrauen die persönliche Widmung des Papstes auf einer Kopie der Eröffnungsrede des Konzils: "Es ist nur gerecht, Dir diesen Diskurs zu schicken, der mindestens so viel von Dir ist wie von mir". .. Die Rede, die wir alle so liebgewonnen haben.
Kurz, was es in den letzten 14 Tagen noch zu tun gibt, so Gott will:
- Ausarbeitung vonseiten des Sekretariates -für die Verkündigung durch den Papst am
8. Dez.- des Diskurses über die beängstigenden Probleme in der Welt von heute;
- Beginn eines Dialogs zwischen der entwickelten- und der unterentwickelten Welt;
- Konkrete Festlegungen (P. Houtart wird mir dabei helfen) der anfälligen Studien ad
intra und ad extra zwischen den beiden Konzilsperioden.
Seite 140 Rundbrief Nr. 44 26.11.1962
Diese Woche ist sehr wichtig für unsere Pläne, unsere Träume. Aber Gott weiß, dass wir sie nur wollen, wenn sie wirklich "unsere" sind, das heißt Gottes- und aller Pläne an erster Stelle... Ich bin mir sicher, dass es so ist. Es gibt keine rein menschlichen Erklärungen für alles, was derzeit geschieht. Das Treffen mit Kardinal Suenens ist der krönende Abschluss verschiedener Begegnungen; es läßt mich fest erkennen, dass uns die Hand Gottes an jenem Abend führte.
Warum jener Brief? Warum die Übereinstimmung zwischen Mercier und Suenens? Warum wurde gerade er -unter allen Mitgliedern der Kommission für Außergewöhnliche Angelegenheiten- mir für meinen Besuch vorgeschlagen?...
Ich konnte nicht wissen, dass er, gerade er, der Autor jener berühmten Rede zur Eröffnung des Konzils war. Fazit: die Idee, die vom Sekretariat kam, war genau identisch mit der seinen (absolut mit seinem eigenen Denken übereinstimmend). Er eröffnet am Donnerstag um 16 Uhr den Dialog zwischen der entwickelten und unterentwickelten Welt. Ich merkte, wie eine tiefe Freundschaft entstand, mit der gleichen Sicht über Kirche und Menschheit. Und er sagte mir auch noch: "Wir verstehen uns. Wir wurden geboren, um uns zu verstehen. Und wir beide sind eher schüchtern zurückhaltend, aber mit einer grenzenlosen Waghalsigkeit, wenn wir von etwas überzeugt sind".
Was mir bei dieser Begegnung noch den Stempel Gottes selbst gab, war, dass Suenens mich bat, zunächst und endgültig die Freunde aus der Katholischen Aktion aufzuklären -er selbst sei auch ihr Freund und möchte nur, dass auch die Legion Mariens einen kleinen Platz an der Sonne bekomme-, um mich dann stark zu machen bei Mons. Himmer.
Himmer ist Katholische Aktion in Reinblut. Und Suenens steckte ihm quer in der Kehle. Und weil er unter den Bischöfen Belgiens sehr geschätzt wurde, war eben Suenens selbst, obwohl Kardinal, kein Prophet in seiner Heimat.
Ich klemmte mich also an Himmer, eineinhalb Stunde lang. Heute sind die beiden wie alte Freunde, die sich für immer wiedertrafen...
Ich brauche nur zu sagen, dass Himmer mit mir zusammen alle Kardinäle von der Kommission für Außergewöhnliche Angelegenheiten besucht und ich muss oft lachen über die Art, wie er sich auf Suenens beruft. Wir werden beide zusammen zum Papst gehen, um über das Sekretariat zu sprechen. Er möchte, dass ich dann Suenens als Präsidentschaftskandidat dieses Sekretariats vorschlage.
Wenn der Teufel nicht alles durcheinander bringt, so hoffe ich, dass am Freitag die Kommission für Außergewöhnliche Angelegenheiten zugunsten unserer Petition stimmen wird und dass der Hl. Vater bei seiner Abschlussrede das Sekretariat gründet.
Morgen, so Gott will, wird Pater Houtart hier... den Beginn des Dialogs zwischen den beiden Welten (unter Vorsitz von Kard. Suenens) einleiten.
Wie schon in vorhergehenden Schreiben erwähnt, waren am vergangenen Sonntag der Abbé Pierre und Mons. Mercier hier bei mir, bis abends um 10°°. ..
Könntet Ihr nur den Mercier über die Armut Gottes reden hören!...
Wir haben daraufhin beschlossen, ein Gesamtkonzept vorzulegen, um mit der Gnade Gottes während der drei Konzilsjahre die Heilige Kirche wieder auf die verlorengegangenen Wege der Armut zurückzuführen.
Es wäre leicht -sehr leicht, aber auch verführerisch- eine spektakuläre Geste von 300 Bischöfen. Weitere tausend würden sich ihnen -mehr oder weniger verlegen- anschließen. Wir ständen im Mittelpunkt...
Aber wir würden einige unserer Brüder verbittern, die noch nicht von der Gnade dieser Liebe zur Armut berührt wurden. Für uns wäre es eine ernstzunehmende Gefahr, als Pharisäer dazustehen:
"Wir sind nicht wie diese armen Spießer..."
Was jedoch entscheidend für mich war (und das ist nicht synomym mit Passivität, die Arme kreuzen, Gott weiß es), ist, dass der Papst (auch unser geliebter Johannes XXIII) sich in einer Zwickmühle befindet, um sich der Tiara zu entledigen und mit dem Vatikan zu brechen...
Ich sagte heute zu den nicht-kathilischen Beobachtern, mit denen ich zu Mittag ass und die auch ihre Schwieirgkeiten hatten mit dem Pomp in St. Peter:
"Johannes XXIII kommt mir vor wie ein Vogel in einem goldenen Käfig"
Aber der Tag wird kommen, an dem der Statthalter Christi vom Luxus des Vatikan befreit werden wird.
Der Tag wird kommen, an dem Gott, unser Vater, den Stellvertreter Christi vom Luxus des Vatikans befreien wird. Während der Bombardierung Roms ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass Gott handeln würde. Er würde es zulassen, dass eine Bombe all dem ein Ende setzen könnte, was ansonsten aufzugeben unmöglich erschien. Aber selbst das würde nicht aufgehen: Rockefeller würde einen Vatikan wieder aufbauen, noch größer und luxuriöser.
Die Reform muss von innen kommen.
Wie gut wäre es vor den Augen der Welt, wenn -statt Verwüstung, Brand und Überfall- vom Papst selbst diese Geste der Entäußerung ausgehen würde.
Unser Plan besteht darin, eine größtmögliche Zahl von Bischöfen zu gewinnen. Ich werde mit Mons. Mercier darüber reden müssen. Mit Pater Paulo Gauthier brauche ich nicht eigens zu sprechen. (Vgl. seine Ansichtskarte aus Nazareth).
Heute trafen sich Bischöfe aus aller Welt zu einer glänzenden Begegnung mit der katholischen Arbeiterbewegung Frankreichs. Der Konferenzsaal von Domus Mariae war übervoll. Ich bringe euch ein Dossier mit. Es wird dem Konzil zugute kommen, wenn in Kürze der Entwurf über Kirche- und darin das Kapitel über die Laien- behandelt wird.
Die Diskussion im Konzil über die Kommunikationsmedien ist auch abgeschlossen. Morgen wird die Abstimmung über den Geist des Entwurfes sein.
Danach wird der Entwurf über die Einheit der Christen auf den Tisch kommen. Und danach dann, aber wahrscheinlich erst in der zweiten Konzilsphase, der Entwurf über die Kirche.
Das Opus Angeli hat hart gearbeitet! Es gelang uns, allzu enge und negative Konzilsentwürfe abzulehnen. An deren Stelle schlug das Opus Angeli angemessenere Gegenentwürfe vor. (...)
S. 144 Rundbrief Nr. 45 27./28. 11. 1962
(...)
Heute, wie immer, Diskussionsthemen über Kirche und Konzil. Jetzt, da es uns gelungen ist, nach eineinhalb Monaten mit der Gnade Gottes ein gutes Konzilsklima aufzubauen, bedrängt uns ein wenig die Frage, wie wir das erhalten können:
- sowohl in uns selbst als auch
- in Rom? (Sobald wir de Rücken kehren, ist es normal, dass die Römische Kurie wieder alles tut, um den Papst zu beeinflussen).
Wichtig ist es zu sehen, wie diese Beeinflussung entgegengewirkt werden kann durch die Gegenwart des Konzilsgeistes, welcher immer wieder sichtbar wurde im Einklang der Mehrheit der Bischöfe + Papst = Heiliger Geist.
Was das Weiterleben des Konzilsgeistes in uns und den Unsrigen angeht, schlug ich eine Studienplan für Lateinamerika vor, verbunden mit dem Wunsch (sofort angenommen!), dass auch Afrika und Asien mitmachen. Ebenso (Antrag auch approbiert) Europa, USA und Australien.
Ich ging von einem konkreten Beispiel aus: dem Entwurf über die Kirche. (Klar war, dass der Entwurf auf keinen Fall übereilig diskutiert werden dürfe).
Er soll bleiben für die nächste Sitzungsperiode (obwohl er bereits jetzt angefangen werden kann und muss. Nur so kann er zur nötigen Reife gelangen.
Ich zeigte, wie wir im Entwurf 3 fundamentale Probleme hervorgehoben hatten. Diese müssten unter dem Gesichtspunkt der expliziten Hinwirkung zur Ökumene, zur Heiligen Mutter- Kirche, untersucht werden.
Ich bestand darauf: bei der ganzen Diskussion um die Universalität, um die Katholizität der Kirche, sei es ja wohl evident, dass sie jetzt auf keinen Fall amerikanisch werden müsse, oder afrikanisch, oder dass sie jetzt asiatisch würde, nachdem sie ihr italienisch-europäisches Gesicht abgelegt habe. Es ist schön zu sehen, wie alle diese katholische Sprache verstehen.
Die 3 Aspekte sind folgende:
- Die Bischofskollegialität auf nationaler und kontinentaler Ebene.
- Die Laien in einer sich entwickelnden Welt.
- Kirche und Staat angesichts der Entwicklung.
Dann erklärte ich unsere Vorgehensweise in Lateinamerika (es war dann auch der Vorschlag für Afrika und Asien):
- Wir wählen einen Gesamt-Sprecher: Pater Houtart (zufälligerweise auch der Sekretär von Opus Angeli).
- Wir wählen Schlüsselfiguren aus jedem Kontinent. Denen schicken wir unmittelbar mit einem Rundschreiben auch entsprechende Fragen zu den einzelnen Punkten und Kapiteln zu zwecks Vertiefung.
(... Es folgen etwa 20 Namen aus versch. Ländern Lateinamerikas)
Wenn sie die Fragen erhalten, haben sie einen Monat Zeit zu antworten. Um Ostern herum wird dann P. Houtart die Schreiber der 5-6 besten Antworten in Rio de Janeiro versammeln, vielleicht noch einige kluge Köpfe dazu, falls das Team noch angereichert werden muss. Dann haben wir (immer so Gotte will) den fertigen Bericht, den wir nicht nur an die lateinamerikanischen Bischofskonferenzen schicken, sondern auch an die Sekretariate in Afrika, in Asien und in der ganzen Welt...
Die Überraschung des Abends war für das erste auch anwesende europäische Team mein Vorschlag von der Notwendigkeit einer Einheit des europäischen Episkopates auf kontinentaler Ebene. Mein Argument war: es könne ja nicht angehen, wenn Europa sich ökonomisch vereint, politisch zusammenwächst, -dass es dann auch ein Neudenken einer gemeinsamen Pastoral geben müsse. (Suenens will eine Pastoral auf dieser Linie vorantreiben).
Und zum Schutz des Papstes (um ihn nicht hier allein mit der Römischen Kurie sitzen zu lassen) wird die Ökumene vorschlagen, dass die derzeitige Präsidentschaft der Kommissionen (10 Kardinäle, unter ihnen Liénart, Frings und Alfrink) zusammen mit der Kommission für Außergewöhnliche Angelegenheiten (10 Kardinäle, u.a. Meyr und Suenens) mit der Oberaufsicht der Arbeit in den einzelnen Kommissionen beauftragt werden. (Monatliche Versammlungen, immer in Kontakt mit dem Papst).
(...)
