Eröffnungsrede PUC
Dom Luiz Flavio Cappio
Eröffnungsvortrag beim III. Internationalen Symposium für Theologie und Religionswissenschaften an der PUC in Belo Horizonte, MG. Mai 2009
Übersetzung des Artikels in FRATERNIZAR Juli/ Sept. 2009 (Conrad Berning)
Was für einen Planeten hinterlassen wir den nachfolgenden Generationen?
Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern, Enkelkindern? Was für einen Planeten übergeben wir kommenden Generationen?
Das ist eine elementare Frage der Gerechtigkeit. Das heilige Recht eines jeden von uns, in einer gesunden, menschenwürdigen Umwelt zu leben, in der Bürger und Bürgerinnen dieses Planeten eine gewisse Lebensqualität genießen dürfen, verpflichtet uns gleichermaßen dazu, dieselben Rechte auch künftigen Generationen weiterzuschenken. Wir erbten eine Welt, einen Planeten, als Vermächtnis jener, die vor uns lebten, Sie übergaben uns das Haus, in dem wir heute wohnen, in dem wir leben, in dem wir unsere Existenz gestalten.
Es liegt nun an uns, das Gleiche zu tun für die, die nach uns kommen, die den Planeten erben, den wir ihnen vorbereitet haben. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.
Morgen, wenn die Sonne wieder aufgeht mit Wärme und Leben; die Blumen begrüßen uns mit ihren unterschiedlichen Farben und Düften; wir hören das Lied der Vögel und spüren die frische Brise, wie sie unsere Brust berührt; unsere Lippen berühren das reine Quellwasser, und wir schauen in die grünen Weiten der hohen Berge und in das tiefe Blau der Ozeane;
- dann hören wir jene, die nach uns kommen, sagen: "Danke für die Welt, die ihr uns bereitet habt. Danke für den Planeten, wie einen Garten, den ihr uns vererbt habt. Danke für die Samen des Lebens. Die ihr legtet, damit wir davon reiche Früchte ernten konnten. Danke, danke!"
Oder aber das Gegenteil, übermorgen, wenn dieser Sonnenaufgang nicht mehr zu sehen ist, wenn nur noch ein heller Smog aufsteigt, verhangen mit sauren Wolken, wenn sich die Sicht der Augen verschlechtert, unsere Körper dahinsiechen mit eitrigen Geschwüren, hervorgerufen durch giftige Strahlen wegen der fehlenden Ozonschicht; wenn wir statt Wasser einen kremigen fäkal-riechenden Saft, mit chemischen Zutaten aus schädlichsten Ursprüngen trinken müssen; wenn die Landschaft in eine riesige Wüste ohne Leben umgewandelt wird, ohne den Gesang der Vögel, ohne die Melodie menschlicher Stimmen, weil niemand mehr Lust zum Singen hat, wohl aber Verzweiflungsschreie zu hören sind wegen der durch Knochen- und Muskelschwund hervorgerufenen Schmerzen; und wenn die Mütter aus Liebe ihre Kinder abtreiben müssen, damit diese nicht auch wie Ausgesetzte ins Tal der Tränen verurteilt werden:
- dann hören wir, wie unsere Kinder und Kindeskinder mit dem Zeigefinger auf uns zeigend, glotzende Augen, Im Hals Rache- und Wutworte, laut schreien: "Ihr Übeltäter, Dämonen, Kinder der Finsternis und des Bösen, seht diese Hölle, zu der wir verurteilt sind. Ihr seid die Verantwortlichen für das Unheil, das uns trifft. Wir sind die Geknebelten".
Welche Welt, welchen Planeten vererben wir an unsere Kinder und Kindeskinder? Das ist eine Gerechtigkeitsfrage. Wir sind gerecht, wenn wir unsere heilige Aufgabe erfüllen und acht geben, aufpassen auf den unendlichen Reichtum, der uns anvertraut ist. Wir können aber auch zutiefst ungerecht sein, indem wir uns unverantwortlich und unkonsequent mit der Natur, Mutter allen Lebens, umgehen. Wenn wir sie nur ausbeuten und ihren Schatz von unsagbarem Wert für eigene Zwecke ausnutzen.
"Gott verzeiht immer, die Menschen hin und wieder, die Natur verzeiht nie". Wenn wir sie angreifen, gibt sie früher oder später ihre Antwort. Das Leben, das wir heute leben, erbten wir von unseren Vorfahren. Wir erbauen den Planeten, auf welchem künftige Generationen leben sollen. Das Leben improvisiert man nicht. In 5 Minuten legen wir einen jahrhundert alten Baum zu Boden. Es sind mehr als 100 Jahre nötig, bis wieder etwas Ähnliches heranwächst. Und das auch nur, wenn überhaupt wir einen neuen pflanzen und ihn hegen, hegen, hegen.
Es ist eine Frage des Gewissens, des Eigentumsrechtes. Es ist eine Frage, ob wir einen unantastbaren Sinn für Gerechtigkeit haben oder nicht haben. Eine Frage der Sensibilität für das Recht auf Leben in einer würdevoll bewohnbaren Welt und für die Pflicht der Mit-Verantwortung, sie zu schützen, damit andere dieselben Güter und Reichtümer genießen können. Eine Frage des Bewusstseins, dass diese Erde unser Haus ist, in dem wir wohnen. Wir sind ein Teil davon. Es wurde uns übergeben zum Bewohnen und um seine Güter und Reichtümer zu nutzen. Achtgeben müssen wir, damit die erhaltenen Güter weiterbestehen und damit die künftigen Generationen, so wie wir, darin volles Leben vorfinden.
Mein geschätzter Meister Leonardo Boff hat es einmal so gesagt: "Achtgeben und Hegen ist ein anderer Name für Lieben und die beste Form von Lieben". "Wer liebt, gibt acht". Und nichts gerechter als acht zu geben auf das, was allen gehört. Nichts gerechter als im Umgang mit den Gemeingütern die gleiche Sorge zu haben wie mit den persönlichen und privaten.
