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Die kirchliche Hierarchie

"Die kirchliche Hierarchie ist wenig demokratisch", sagt der Ordensmann

In einem Interview in der größten brasilianischen Tageszeitung "O Estado de São Paulo" verteidigt Bischof Clemente Reformideen wie etwa das Ende des Zwangszölibats

von Alexander Rodrigues, Redakteur von "O estado de S. Paulo".(Juni 2008)
Deutsche Übersetzung: Conrad Berning



RIO DE JANEIRO - Mit seinen 91 Lebensjahren bewahrt sich Bischof Clemente Isnard einen jugendlichen revolutionären Geist. Unzufrieden mit einer katholischen Kirche, die sich allzu rigid hierarchisch und konservativ strukturiert, verbringt der pensionierte Altbischof und Benediktinermönch Großteil seines Ruhestandes damit, über Dinge zu schreiben, die viele innerhalb der Kurien und in den apostolischen Palästen nicht den Mut haben anzusprechen. Als emeritierter Bischof von Nova Friburgo (Rio de Janeiro), wo er über 30 Jahre als Diözesanbischof wirkte, setzt sich Bischof Clemente für die Abschaffung des Pflichtzölibates für Priester ein und für die Weihe der Frauen. Nach ihm gibt es viele Ordensfrauen, die Pfarreien übernehmen könnten und Priester, welche die pastorale Berufung aufgeben mussten wegen einer Heirat. Sie fehlen der Kirche.

Reformbewegt, ist Bischof Clemente einer der wenigen brasilianischen Geistlichen, die noch persönlich am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahmen. Nach seiner Meinung sind die Erneuerungen des Konzils ins Stoppen geraten durch den konservativen Papst Johannes Paul II. In einem kürzlich veröffentlichtem kleinen Buch "Gedanken eines Bischofs über die aktuellen kirchlichen Einrichtungen" verteidigt er auch eine Demokratisierung der Kirche, mit Teilnahme der Laien bei den Bischofswahlen. Dom Clemente wohnt im Benediktinerkloster S. Bento in Rio de Janeiro und hielt sich z. Zt. des nachfolgenden Interviews mit der Zeitung "Estado de S. Paulo" in Recife auf.



In Ihrem Buch sprechen Sie heikle Themen für die katholische Kirche an, wie etwa den Pflichtzölibat oder die Weihe von Frauen. Warum haben Sie sich jetzt entschieden, darüber zu schreiben?
Weil die Themen von so großer Aktualität sind. Die Weihe von Frauen wird erst jüngst in Europa von Kardinal Martini verteidigt und findet Beifall von Kardinal Aloisio Lorscheider in seinem Buch "Mantenham as Lâmpadas Acesas" (Haltet die Lichter am Brennen). Ich bin nicht für die Abschaffung des kirchlichen Zölibats, nur dafür, dass die Möglichkeit besteht, gute Priester vom Zölibat zu dispensieren, damit sie weiterhin der Kirche dienen können.

Haben Sie keine Angst vor einer öffentlichen Zensur vonseiten des Vatikans oder kirchlicher Instanzen innerhalb Brasiliens?
Der Hl. Stuhl selbst publizierte ein Buch, in dem steht, dass ein emeritierter Bischof als Nachfolger der Apostel predigen darf. Wenn er predigen darf, darf er auch schreiben.

Reduziert nach Ihrer Meinung der Pflichtzölibat die Qualität der Priester, die derzeit den Gemeinden vorstehen? Oder favorisiert er eher krankhafte Persönlichkeiten, wie etwa jene Priester, die in Fälle von Pädophilie verwickelt sind?
Der Pflichtzölibat kann natürlich solche unausgeglichenen Charaktere begünstigen. Es ist aber nicht immer so. Den Zölibat soll es auch weiterhin in der Kirche geben, als Antwort auf die Einladung des Evangeliums und des Briefes des Apostel Paulus an die Korinther. Die Mönche jedoch sollten immer zölibatär sein, wie in den orientalischen Kirchen.

Glauben Sie, dass Priester mit Familie sich genau so gut der pastoralen Arbeit widtmen könnten?
Hätten Priester eine Familie, stände ihnen wohl weniger Zeit zur Forschung zur Verfügung, aber es würde nicht die normale Arbeit eines Familienvaters beeinträchtigen. Alles hängt ab von der Berufung eines jeden einzelnen. Ein verheirateter Priester aus meiner Diözese war Professor und unterhielt Frau und zwei Kinder.

In Ihrem Buch erwähnen Sie lobend die Arbeit von Diakonen. Glauben Sie, dass genügend Laien zur Verfügung ständen für das Amt der Gemeindeleitung und dass sie zu Priestern geweiht werden könnten, ohne ihrem weltlichen Leben zu entsagen?
Ich glaube, ab einem gewissen Alter könnte ein Diakon, den man gut kennt, zu Priester geweiht werden, ohne dass er dabei seinem weltlichen Leben entsagen müsste. Die Probleme sind eher finanzieller Art in Bezug auf die Studien, das Fehlen von guten Professoren. Das ist die Situation einiger Diözesen.

Die momentane Priesterausbildung in Brasilien hat Schwächen? Welche Probleme sehen Sie?
Die Ausbildung einiger Jesuiten und Ordensleute ist weiterhin sehr gut. In einigen diözesanen Priesterseminarien ist das nicht der Fall. Es fehlt an Geld, um sich gute Professoren leisten zu können. So ist es in einigen Diözesen.

Sie sind auch für die Priesterinnenweihe von Frauen. Was meinen Sie, warum wird das Theme in der Kirche nicht diskutiert trotz der Frauenemanzipation in der Gesellschaft? Kennen Sie Frauen, die Gemeinden leiten möchten?
Die Priesterinnenweihe gibt es bereits in den anglikanischen und lutheranischen Kirchen. Es ist interessant, dass Luther selbst nicht von Anfang an sich dafür einsetzte. Die Weihe von Frauen kam erst im 20sten Jahrhundert. Zwei Kardinäle unserer Zeit setzen sich dafür ein: Lorscheider und Martini. Ohne Frage könnte eine Ivone Buyst eine Pfarrei leiten. Schwester Penha Campanedo ebenso. In der Tat, das Thema wird in der Kirche nicht diskutiert. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Diskussion zunimmt, nachdem diese zwei Kardinäle ihre Stimme erhoben haben.

Nach Ihrer Meinung hat das Pontifikat von Johannes Paul II eine Tendenz zu Erneuerungen gestoppt. Wie sehen Sie das Pontifikat von Benedikt XVI bis jetzt? Worin stimmen Sie ein, worin nicht?
Papst Johannes Paul II war zweifelsohne ein großer Papst mit spirituellen Qualitäten. Jedoch hatte man von ihm erwartet, dass er sich mehr mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil identifizieren würde. Nach Paul VI standen viele Dinge an, welche in der Kirche hätten geändert werden müssen, aber es geschah wenig. Es sieht so aus, als hätte es dem Papst an Mut gefehlt. Das Pontifikat von Benedikt XVI sticht davon nicht ab, schon wegen der Tatsache, dass er engster Mitarbeiter seines Vorgängers war. Ich stimme z.B. nicht dem Dokument vom vergangenen Juni zu, in dem er zum alten Messritus vom Hl. Pius V. zurückkehrt und ihn an die Seite des Ritus stellt, der im Zweiten Vatikanischen Konzil beschlossen wurde. Ich stimme der Rückkehr zum Latein als kirchliche Sprache nicht zu.

Sie sind für eine Teilnahme der Laien bei der Wahl eines Bischofs. Welchen Sinn gäbe das nach Ihrer Meinung? Glauben Sie, dass die Kirche zu wenig demokratisch ist?
In meinem Buch mache ich den Vorschlag der Teilnahme einer Laiengruppe als Wähler eines neuen Bischofs, zusammen mit den Priestern, Diakonen und Ordensleuten. Diese Art von Wahl würde bestimmte Irrtümer, welche vorgekommen sind und allzu sehr die Kirche beschädigten, vermeiden. Die Kirche heute ist wenig demokratisch, und sie würde einen Demokratisierungsprozess durchmachen, ohne ihre Verfassung in Gefahr zu bringen.

Glauben Sie, dass, wenn die Gläubigen mehr Möglichkeiten hätten, sich bei der Wahl der Vorsteher ihrer Kirche einzubringen, dass sie sich dann auch der Kirche wieder mehr annähern würden? Wären Sie auch für eine direkte Beteiligung der Gläubigen an der Wahl eines Papstes?
Ich glaube, dass, wenn eine Gruppe von Laien, Frauen und Männer, bei der Wahl eines Bischofs beteiligt wären,, ständen auch die Gläubigen einer Diözese mehr zu ihm. Bzgl. der Wahl eines Papstes als Bischof von Rom, stimme ich der Meinung von Kardinal Lorscheider zu, der in seinem Buch schreibt: "Das Kardinalskollegium sollte aufgelöst- und künftig ein Papst durch die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen gewählt werden".

Sie sind einer der wenigen Brasilianer, die noch persönlich an den Sitzungen des Zweiten Vatikanischen Konzils teilgenommen haben. Welche Reformen müssten Ihrer Meinung nach direkt angefasst werden, um dem Konzil gerecht zu werden?
Es ist eine Freude für mich persönlich, am Zweiten Vatikanischen Konzil teilgenommen zu haben. Nach meiner Meinung wäre eine neue Art von Bischofswahl mit Teilnahme der Priester, Ordensleute und Laien dringend. Es braucht auch keine Weihbischöfe geben. Ein Diözesanbischof in einer Diözese würde genügen. Das ist auch die Meinung von Kardinal Lorscheider. Die emeritierten Bischöfe sollten noch eine pastorale Aufgabe erhalten, ebenso die Ordensfrauen.

Ist es wahr, dass der Apostolische Nuntius die Veröffentlichung Ihres Buches zu verhindern suchte? Wie ist Ihre Meinung darüber und wie haben Sie sich darüber hinweggesetzt?
Der Apostolische Nuntius rief den Provinzial der Paulinos, die mein Buch veröffentlichen sollten, zu sich und verbot die Veröffentlichung. Er wandte sich jedoch nicht an mich. Dann habe ich mich ganz normal an einen anderen Verlag gewandt, weil mein Buch nichts gegen den Glauben und gegen die Kirchengesetze enthält. Als emeritierter Bischof habe ich das Recht zu predigen und zu schreiben.